Mann im Schatten

Die Welt als 1 und 0

Die Welt als 1 und 0

All die Verfechter einer möglichen Künstlichen Intelligenz prophezeien es seit Langem: das Leben ist in Zahlen darstellbar, der Mensch, die Welt, das Ich können als 1 und 0 angegeben, verstanden und reproduziert werden.

Klingt für „normale“ Menschen erstmal lächerlich, doch wie weit der Weg dahin schon gegangen ist, zeigt ein schöner, wenn auch ziemlich langer Beitrag auf wired.com – Know Thyself: Tracking Every Facet of Life, from Sleep to Mood to Pain, 24/7/365

Darin geht es Autor Gary Wolf um den schleichenden Trend, sich und sein Leben zu messen, zu quantifizieren, in Zahlen auszudrücken, mit anderen zu vergleichen und so zum Teil eines großen Muster des werden – dem berechneten Makrokosmos.

– Wie viel haben ich geschlafen und wie oft bin ich aufgewacht?
– Wie gut bin ich laut Mood-Skala gelaunt (gibt es als Facebook-Applikation)
– Was esse ich während der Diät (wird über Tweet What You Eat kommuniziert)
– Wann steht die nächste Periode an und wie ist der Vergleich mit andere Frauen (My Monthly Cycle)

Wer sucht, findet noch ungleich mehr.

Natürlich – da sind sich viele zeitgenössische Philosophen einig – kann das subjektive Empfinden des Ich nicht mit Zahlen oder überhaupt quantitativen Größen gemessen werden. Und doch bleibt dieser komische Nachgeschmack, diese fade Erinnerung an ein fiktives Phänomen, das als „Newspeak“ bekannt wurde. Bekannt aus dem Dystopie-Klassiker „1984“ von George Orwell. Wenn die Sprache lange genug verändert, beschnitten, minimiert wird, verändert sich auch das Denken. Wenn irgendwann die Worte „Widerstand“, „Individualität“, „Nein“, „Ich“ nicht mehr existieren, können diese Inhalte auch nicht mehr gedacht werden. Der Mensch wird zur Masse.

Das ist zwar etwas anderes, als die schleichende Quantifizierung des Menschen, aber Parallelen sind durchaus sichtbar. Der Mensch muss nicht mehr so lange schlafen, bis er wach ist, sondern, laut Statistik, x,y Stunden. Er ist nicht froh, besorgt, enttäuscht, sondern in Mood 7. Da gibt es nicht den Gefangenen Heinrich Schmitz, sondern nur Nummer 138857.

Eigentlich bleibe ich aber lieber ich, als Teil eines minutiös vermessenen und kalkulierbaren Makrokosmos zu werden, einer großen Gesamtstruktur.

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