Mann im Schatten

Meine kleine Twitter-Farm


February 1st, 2010

Ein interessantes Projekt, das da gerade in Frankreich gestartet wird: Während die New Media Welt gebannt auf twitter und facebook schielt, weil dort ja alles in Echtzeit passiert und potenzielle Nachrichten nur so durch die virtuelle Luft schwirren, werden auf einem gemütlichen Bauernhof in Frankreich fünf Journalisten eingeschanzt. Es gibt gute Verpflegung und trotz „Hausarrest“ ständig Nachrichten von ihnen zum aktuellen Tagesgeschehen. Denn: man hat Internet und versucht, allein auf Basis von eben twitter und facebook ordentliche Nachrichten zu schreiben. (Quelle: tagesschau.de)

„Kann ja gar nicht gehen!“ möchte mancher nun rufen, denn der wirkliche Kontakt zu Menschen fehlt ja, das Gegen-Checken einer News findet kaum statt – doch wie viele Seiten befüllen sich aufgrund von Termindruck und klammen Kassen schon auf genau solche Art? Es wird spannend sein, das Ergebnis dieses Feldversuchs im Auge zu behalten. Können die neuen Medien zumindest die Rumpfarbeit des journalistischen Alltags einigermaßen aufrechterhalten?

In Frankreich wird der Versuch jetzt schon intensiv verfolgt. Der Rest der Welt wird sicher bald ebenfalls hinsehen.

Unter Comic-Fans ist Jason Lutes lange schon kein Unbekannter mehr. Wer nicht so in der Materie ist, hat eher nicht von ihm gehört. Zugegeben: eine Schande. Da muss dann im Zweifel erst seine Graphic Novel „Berlin – bleierne Stadt“ als Geschenk zum Umzug ankommen, um diesen Missstand zu beenden.

Berlin - bleierne Stadt

Berlin - bleierne Stadt

Dann aber begeistert der in Berlin 1929/30 angesiedelte Schwarz-Weiß-Comic umso mehr. Politische Unruhen, die große Depression und eine Stadt, die trotz oder gerade wegen dieser Probleme ungehemmt feiert. Feiert und sich betäubt, als gäbe es keine Sorgen.

Die Bilder in „Berlin – bleierne Stadt“ sind eindringlich, die Darstellung dieser explosiven, faszinierenden und surrealen Welt absolut gelungen. Wer immer sich für diese vielleicht interessanteste Epoche Berlins interessiert, sollte sich diesen Teil der Trilogie zulegen. Details und vieles mehr gibt es hier.

Wer es ohne Bilder mag, kann natürlich auch den großartigen Roman „Der nasse Fisch“ von Volker Kutscher lesen. Lohnt sich ebenfalls!

Am 28.01.2010 startet der groß produzierte Film „Ein russischer Sommer“ offiziell im Kino. Einen Tag vorher gab es die schicke Premiere im Kino International in Berlin. Schönster Ost-Charme, Blitzlichtstakkato auf Regisseur, Hauptdarsteller, Tolstoi-Erben und anschließende Verköstigung inklusive.

Ein russischer Sommer

Ein russischer Sommer

Der Höhepunkt des Abends kam dann eigentlich aber schon vor der Film-Vorführung mit der Ankündigung, dass „Ein russischer Sommer“ hoffentlich der lustigste Film über den Tod eines 82-Jährigen sei, den die Anwesenden je gesehen hätten.

War er dann auch. Trotz des russischen Hangs zu schweren Themen Read more »

Ein Freund in China schrieb kürzlich verwirrt, dass die Chinesen gegen den überraschenden Schnee und Frost mit heißem Wasser vorgehen würden. Seltsam, dass bei zweistelligen Minusgraden plötzlich alles rutsch und schliddert.

Aber dafür muss man momentan nicht nach China reisen. Berlin ist fast überall von einer dicken Eisschicht überzogen. Nur die wenigsten Gehwege sind geräumt, manche Straßen sehen die Räumfahrzeuge nie. Ist nicht schön, hat man sich aber dran gewöhnt.

Was sich auf dem Heimweg vom Bäcker zeigt – die Sonntagsbrötchen waren bei –8 Grad schon längst gefroren – geht dann aber doch zu weit:

Ein Fahrrad im Berliner Winter

Ein Fahrrad im Berliner Winter

Nach Berlin umzuziehen ist toll. Sagen jedenfalls alle. Macht man es dann, zeigt sich die Hauptstadt von der biestigen Seite und bricht erstmal den eigenen Rekord im Keine-Sonne-Zeigen. Soll zum Wochenende besser werden – nach über 20 Tagen – dafür aber auch mit -10 Grad empfindlich kalt.

Wieder.

Toll.

Aber die Stadt hat eben doch ihren eigenen spröden Charme und macht diesen Mist wieder gut, indem an der Film-Front etwas Großartiges geboten wird: der Klassiker METROPOLIS bekommt eine eigene Ausstellung im Filmmuseum. Das kann doch mal was!

Filmszene aus METROPOLIS

Filmszene aus METROPOLIS

Das dürfen, sollen und werden Film-Fans nicht verpassen!

Genau wie die Open Air Aufführung am Brandenburger Tor (12.02.2010). Wird zwar sicher etwas kalt, wenn Berlin weiter diese seine Seite zeigen will, aber was tut man nicht alles für METROPOLIS?

Zugegeben, es ist fast schon cheesy, sich über das stets neu gekürte „Unwort des Jahres“ zu beschweren. Braucht eigentlich niemand und doch wird überall darüber berichtet.

Jetzt ist das neue Unwort also „betriebsratsverseucht“. Haben mit Sicherheit nur die wenigsten Deutschen bisher gehört. Wäre es nicht gekürt worden, wäre es auch dabei geblieben. Ganz ehrlich: ich habe schlimmere Wortschöpfungen gehört.

Andererseits: ändert die Kür nun irgendwas? Oder ist es doch nur das Feigenblatt der Bildungselite vor der ohnehin kaum aufzuhaltenden Devaluierung der Wertschätzung gegenüber dem kleinen Mann?

Unnötig.

Wie jedes Jahr.

Wer vor zwei Jahren von Gentrifizierung sprach, erntete eher Fragezeichenblicke, als kämpferischen Beistand gegen die aufgesetzte Aufwertung angesagter Underdog-Stadtviertel. Das hat sich geändert. Heute kennt das Wort fast jeder – man muss dazu nicht mal überzeugter Feuilleton-Leser sein.

Prima beobachtet schreibt ein Blogger unter der Überschrift Parallelgesellschaften:

“Ich denke dabei mittlerweile hauptsächlich an diese gentrifizierten Hochpreis-Gebiete, in denen sich kein normalsterblicher und -denkender Mensch noch Wohnraum leisten kann und möchte.“ (Quelle: Die gestundete Zeit)

Das ist in der Tat clever gesehen und auf den Punkt gebracht, denn das Schlagwort Parallelgesellschaft ist fast ausschließlich „ausländisch“ besetzt. Doch obwohl das Zitierte absolut stimmt, sollte mit dem Wort Gentrifizierung vorsichtig umgegangen werden, bevor daraus eine ähnlich unscharf gewordene Worthülse wird, wie Parallelgesellschaft.

Eine Überschrift wie diese auf zeit.de muss einfach geklickt werden:

“Computer erniedrigen uns

Inhaltlich geht der Artikel um das Dilemma viel zu langsamer Rechner. Egal wie schnell die Arbeitskraft dank des Mooreschen Gesetzes nach vorne prescht – die Programmhersteller sind schneller und entwickeln noch ressourcenfressendere Anwendungen.

Da ist dann nicht nur der gewonnene Vorsprung an Rechnerleistung wieder dahin, sondern es sind auch all diejenigen gegen die Wand gefahren, die nicht alle sechs Monate ihren Rechner erneuern. Es folgen – Wartezeiten. Endlos erscheinende Wartezeiten.

„Laut einer Studie, die das Marktforschungsinstitut CN St. Gallen im Auftrag des Chipherstellers Intel gemacht hat, verbringt der Mensch jede Woche 51 Minuten mit dem Warten auf seinen Rechner.“ (Quelle: zeit.de)

Ein interessanter Artikel mit einer interessanten Diskussion. Zumal in Zeiten immer schnellerer Computer jedes Ausharren, das früher noch selbstverständlich war, zur allbekannten Qual wird.

Seltsame Zeiten, das. Die Krise reißt ein solches Finanzloch in manch öffentlichen Haushalt, dass wie in Wuppertal geschehen durchaus Kultureinrichtungen wie öffentliche Theater geschlossen werden. Auf der anderen Seite ist – zum Glück – das Geld für ein Projekt wie die Deutsche Digitale Bibliothek da.

Unter diesem Namen wird jetzt ein Projekt gestartet, dass „mehr als 30.000 Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen in Deutschland vernetzen“ soll (Quelle: tagesschau.de).

„Vorgesehen ist, dass die Bibliothek digitale Kopien von Büchern, Bildern, Archivalien, Skulpturen, Noten, Musik und Filmen zur Verfügung stellt und damit alle Arten von Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen wie Bibliotheken, Archive, Museen, Mediatheken und wissenschaftliche Institute umfasst.“ (Quelle: tagesschau.de)

Ein prima Plan – Kultur für jeden. Zumindest für jeden den es interessiert. Ein Stückchen Internet-Utopie alter Schule also, als noch Information für alle gefordert wurde. Ein interessantes Angebot auch in Zeiten, in denen fast alle großen Nachrichten-Angebote im Web – und diese sind schließlich ein Teil der Kulturlandschaft – Bezahlinhalt fordern.

Ob das wie großspurig angekündigt eine „angemessene Antwort auf Google“ sei, bleibt abzuwarten, da eben Kultur als öffentlicher Auftrag dahinter steht, und kein Kommerz-Imperium. Ein absolut begrüßenswertes Projekt ist es allemal. Auch oder erstrecht in Zeiten der Krise und knappen Kassen.

Kultur ist für alle da.

Bühnen Wuppertag

Bühnen Wuppertal

Traurig ist es, sehr sogar – die Theaterschließung in Wuppertal. Aber irgendwo ist es auch ironisch, denn nur wenig steht bei uns so für Kunst und Kultur wie das Theater. Ins Theater geht man nicht, wenn man nicht mindestens Abitur hat, gut verdient, gerne auf hohem Niveau zu gutem Wein von der Welt der feinen Künste schwadroniert. So zumindest das Klischee.

Und wer kann sich das leisten? Seit Erfindung von Kunst und Kultur waren es fast immer die sprichwörtlichen oberen Zehntausend. Das hat sich in den letzten Jahrzehnten mal geändert, weil a) die „einfache Bevölkerung“ mehr Geld hatte und b) immer mehr Theater von der öffentlichen Hand getragen wurden, die auch mehr Geld verwaltete.

Krise sei dank ändert sich das jetzt. Wuppertal ist weder die erste noch die Stadt, die am schlimmsten betroffen wäre. Trotzdem gehen sie jetzt den logischen aber traurigen Schritt, unter anderem ihr Theater zu schließen (zeit.de berichtet).

Es ist schade und tragisch, dass ein sich so gern als Land der Dichter und Denker nennendes Land eine Situation zu tragen hat, in der Kunst und Kultur mal wieder als erste zu leiden haben, wenn das Geld knapp wird. Im Zweifel ist das Brot im Magen natürlich wichtiger als die hochklassische Unterhaltung im Theater – nur leider wird gern ziemlich eilfertig am Kultur-Budget geschnibbelt. Genau wie bei der Bildung.

Aber was sind schon Bildung, Kunst und Schwadronierung von der Welt der feinen Künste – auf hohem Niveau zu gutem Wein natürlich – wenn nicht ein Genuss für die oberen Zehntausend? Und denen ist die Krise ohnehin egal.

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