Mann im Schatten

Manchmal trifft man jemanden nach Monaten wieder und stellt fest: „Mensch, lange nicht gesehen!“ Mehr kommt nicht. Viel ist irgendwie nicht passiert.

Manchmal ist es anders.

Heute das erste Mal seit Monaten eine Bekannte wiedergesehen. Nach wenigen Minuten blitzt eine Narbe über der Pulsader auf. Habe ich das wirklich nie gesehen? Ein paar Minuten später: „Lange nicht gesehen, das hier ist übrigens das Neueste:“ präsentiert wird die Narbe. Ihr ginge es zwischenzeitlich nicht so gut, erklärt vermittelnd eine gemeinsam gekannte Person.

Wie reagieren? Da gibt es entgegen der meist hohlen Phrase doch etwas zu erzählen – doch der Inhalt der Geschichte passt weder zum Bekanntschaftsverhältnis, noch zur Situation. Ernst nehmen, nicht übergehen, trotzdem bald das Thema wechseln. Hoffentlich richtig so. Eine Smalltalk-Situation wirkt plötzlich doch sehr wünschenswert.

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"Heute"-Nachrichten im ZDF - überraschend nah am Boulevard

"Heute"-Nachrichten im ZDF - überraschend nah am Boulevard

Gestern bei einer großen Boulevard-Zeitung in der morgendlichen Themenkonferenz: „Der GDL-Streik. Was machen wir darüber?“ – „Warum gehen wir nicht auf die Gleise und fangen uns ein paar von den unzufriedenen Meinungen ein. Pendler, die nicht zur Arbeit kommen und die Streikenden nicht verstehen.“

Heute, 19h-„Heute“-Sendung im ZDF. Ein Bericht über den GDL-Streik zeigt ein paar schlecht gelaunte Pendler, die nicht zur Arbeit kommen und die Streikenden nicht verstehen. Kommt bekannt vor? Aber man ist ja nicht Boulevard bei „Heute“ und hat im Beitrag noch mehr. Zum Beispiel Statements von Bahnvertretern, die den Streik nicht verstehen, da er ja wohl absolut die Falschen treffe. Und: Kommentare aus dem Off, dass der Streik trotzdem gemacht werde.

Ich bin froh, dass ich unabhängige Berichte in unabhängigen Medien bekomme, die frei von Meinung sind. Dafür habe ich GEZahlt.

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Küss mich Zombie, bevor ich eingeschlafen bin

Küss mich Zombie, bevor ich eingeschlafen bin

Es gibt ein Film-Genre, das scheint wirklich nur und ausschließlich den verschrobenen Diehard-Fans verständlich zu sein: Horror. Egal wie viele Filme aus diesem Genre höchsten Ansprüchen genügen und selbst in den Feuilletons dieser Welt diskutiert und gelobt werden – es kommen immer neue Abarten, die vorgeben, der Fantasie neueste Errungenschaft zu sein. Das wird natürlich PR-geschickt mit massivem Festival-Namedropping beworben, bis der Feldtest das Gegenteil beweist.

Einer dieser Filme ist „Küss mich, Zombie“, angeblich romantische Zombie-Comedy und laut Rückseiten-Zitat von bloody-disgusting.com „Der Festival-Tophit 2009!“. Das findet man auf der Webseite dann zwar nicht, macht aber nichts, denn allein die acht darunter genannten Szene-Festivals, an denen „Küss mich, Zombie“ teilgenommen hat, könnten ja auf einen tollen Film hinweisen.

Amazon.de hat bisher zwei Kritiken. Eine vernichtend. Eine sehr gelangweilt. Beide haben Recht. Noch uninspirierter, zielloser und langweiliger sind wenig Filme. Eine Dreistigkeit, dieses Werk überhaupt zu Festivals zu schicken. Andererseits ist es jedes Jahr das gleiche: Film XY ist plötzlich der nächste Kultstreifen, wie man laut Szene-PR  ja schon unlängst zum Beispiel beim Fantasy Film Fest feststellen konnte. Dass es der fast einzige gute Film im Programm war, wird verschwiegen.

Was sind die Festival-Embleme also wert, wenn selbst der langweiligste Film, mit dem langweiligsten Medienecho außerhalb der skurrilen Szene, teilnehmen und sich damit auch noch brüsten darf? Was sind Fachmeinungen der Szene-Tester wert, wenn niemand außerhalb die Filme anerkennen will? Oder ist das die falsche Fragestellung, weil Festivals und Kritiker aus der Szene, für die Szene schreiben?

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Es klingt fast wie eine Drohung: „Wir sind die Unerkannten. Rechnet mit uns.“ Und doch ist es das Ende einer eher nach Sekte klingenden Vision von Heile-Welt-Aufruf. Es handelt sich um einen offenen Brief an die Welt – die digitalisierte Welt, die so viel Geld und Wohlstand gebracht habe, aber auch an einem Informationsabgrund stehe.

Ein Ausweg aus der Sackgasse kommt unerkannt, erklärt der Autor. Es wird nicht explizit ausgesprochen, soll aber wohl um die Blogger, social medial publizierenden Medienjournalisten und dergleichen mehr gehen, die wachsam sein sollen und ihre Position, sowie die Möglichkeit des Netzes, für eine Gegenöffentlichkeit nutzen sollen.

Schön und gut, klingt so sinnvoll wie naiv und erinnert frappierend an den Blog-Hype vor zehn Jahren. Graswurzeljournalismus wie nie zuvor, kritische Gegenöffentlichkeit, Informationen so unglaublich direkt. Daraus geworden ist allerdings wenig. Jetzt könnte mit Twitter, Facebook, Tumblr und Co natürlich alles anders werden. Das Problem hat aber schon vor über 2.000 Herr Platon erkannt: die direkteste Form der Demokratie kann die größte Ungerechtigkeit werden, da sie nicht von einer – hoffentlich reifen – Instanz kontrolliert wird. Wenn der Anonymous-Autor Recht hat (was absolut wünschenswert ist), ist seine Vision gut. Wenn nicht, schwingt in der unerkannten Masse vor allem unschöne Erinnerung an vermummte Gestalten mit, die bisher eher selten das Glück der größten Zahl im Sinne hatten.

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Mit NAKED LUNCH hat sich William S. Burroughs 1959 als ewiger Klassiker der Literatur verewigt. Beat-Literatur ohne dieses abwegige, perverse, geniale Buch zu betrachten, ist unmöglich. Sein Einfluss geht aber weit darüber hinaus. Punk, Post Rock, Metal würden ohne den Cut-up-Poeten um mindestens eine Dimension geringer ausfallen.

Umso größer ist der Ansturm in Berlin zum Pre-Screening des Dok-Films „A Man Within“, der ausschließlich William S. Burroughs gewidmet ist. Der Regisseur, meistens nur mit einer Handkamera bewaffnet, zerrt Iggy Pop, David Cronenberg, Patti Smith, Jello Biafra, Sonic Youth und noch viele mehr vor die Kamera. Oder doch nicht? Es ist nicht immer leicht zu sehen, was Archiv-Material ist, und was eigen gedrehtes.

Macht aber nichts, denn im Postmodernismus ist es ja kein Problem, Samples anderer Arbeiten in die eigene Kunst einzubauen. Warum sollte das dem jungen Filmemacher Yony Leyser also verboten sein. Nein, „A Man Within“ leidet an ganz anderer Stelle: es fehlt an durchdachter Dramaturgie. Es reiht sich scheinbar wahllos ein Kapitel ans andere. Entweder hätte der Film eine klar Storyline gebraucht, oder es der schönen Episode von Jello Biafra (Chef der Punkrock-Band Dead Kennedys) gleich tun sollen:

Der stand bei einem von William S. Burroughs beeinflussten Sont-Text vor seinen Ideen und kam nicht weiter. Die Einsicht kam schlussendlich, dass er es dem Meister einfach gleichtun sollte, und das Cut-up-Verfahren anwenden sollte. Er zerschnitt also alle Zeilen und verschob sie so lange, bis irgendwie etwas sinnvolles entstand. Eine Cut-up-Story wäre auch im Film passend gewesen – weder dies, noch eine echte Dramaturgie zu haben, schadet dem ansonsten durchaus interessanten Film allerdings ziemlich.

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Gescheitert am strahlenden Image: Karl-Theodor zu Guttenberg (c) zuguttenberg.de

Gescheitert am strahlenden Image: Karl-Theodor zu Guttenberg (c) zuguttenberg.de

Vormittag im Büro. „Guttenberg tritt zurück!“ Die Kunde verbreitet sich schnell, jeder hat eine Meinung, Fernsehen und Internet-Nachrichten werden gecheckt.

Nachmittags in der Küche: „Es ist erschreckend, wie viele meiner Facebook-‘Freunde’ posten, dass die Hetze gegen Guttenberg übertrieben gewesen sei und er echt nicht hätte zurücktreten müssen. So ein guter Politiker. Ich glaube, ich muss da echt mal aufräumen und ein paar Leute kicken.“

Die überzogene Reaktion eines ohnehin gestressten Kollegen? Eigentlich nicht. Harsch ja, überzogen nicht, denn es ging in der hochkochenden Emotion in der Küche, im Büro, im Netz, in Deutschland nicht um Karl-Theodor zu Guttenberg die Person, sondern um Prinzipien, um Image. Er selber wollte der strahlende Supermann sein, der makellose Held, für den US-Comics der 50er Platz haben, nicht aber der durchschnittliche deutsche Freizeit-Intellektuelle. Dass so einer etwas abkriegt genießt, wer leicht neidisch für deutlich weniger gefeuert würde. Das Stück-für-Stück-Zugeben hat die strahlend weiße Fassade Guttenbergs schneller gesprengt, als ein sofortiges Zugeben, dass auch Mr. Supermann ganz gewaltig Mist gebaut hat.

So sehr Guttenberg mit seinem Image polarisiert – und meistens dabei gewonnen hat – so sehr scheidet er auch im Fall die Geister – momentan weniger erfolgreich für die eigene Person. Er hat hoch gepokert und auf sein Image gebaut. Er hat verloren und erntet umso mehr Häme als andere Politiker, die einfach fallen gelassen wurden.

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Farmen - sie waren mal etwas Gutes

Farmen - sie waren mal etwas Gutes

Jeff Jarvis sagt viel, wenn der Tag nur lang genug ist. Bezüglich Content Farmen erklärte er Ende 2009, sie seien „Mist, der gerade gut genug sei, um Suchalgorithmen zu übertölpeln.“(von: wikipedia.de)  Die einzig richtige Antwort seien bessere Such-Algorithmen. Hoffentlich hat er Recht, dachten damals einige.

Jetzt zeigt sich: er hatte Recht. Endlich hat Google den Farmen den Kampf angesagt und gleich mit veränderter Such-Logik losgelegt. Heise.de meldet jetzt unter Bezug auf Sistrix, dass die Nachjustierung schnell Erfolg zeigte – wenn auch erstmal nur in den USA. Gut so – und hoffentlich wird die Schraube auch bald in Deutschland angezogen. Vielleicht wird dieser Auswuchs dann langsam wieder in seine Schranken verwiesen und wieder etwas mehr der gute Beitrag, anstatt das geschickte SEO in den Mittelpunkt der Such-Ergebnisse gestellt.

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Propaganda deluxe: Im Eis der Arktis

Propaganda deluxe: Im Eis der Arktis

Bücher als Tor in eine vergangene, andere Welt kennt man. Leichte Unterhaltung, schwere Kost, Realitätsflucht – das gibt es tonnenweise im Buchladen. Eine Zeitreise ganz anderer Art war die letzten zwei Wochen „Im Eis der Arktis – die Drift des Eismeerdampfers ‘Georgij Sedow’“. Mit dem  Abstand der deutlich entfernten Geburt ist die omnipräsente Lobhudelung des russischen Volkes, der kommunistischen Führung und die Schilderung der Selbstkasteiung, getarnt als kommunal organisierte Struktur des driftenden Dampfers, fast schon lustig, mindestens aber unterhaltsam.

Die offensichtliche und aus heutiger Sicht stumpfe Propaganda wirkt fern und fremd. Da fällt es schwer sich vor Augen zu führen, dass solche Propaganda-Literatur in vielen Ländern verbreitet, normal, konsumiert war. Heute hat man fast das Gefühl, eine vergilbende Persiflage in Händen zu halten. Times, they are a changing?

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Hape Kerkeling (c) www.hapekerkeling.de/

Hape Kerkeling (c) www.hapekerkeling.de/

Hape Kerkeling gehört zu den wenigen wirklich talentierten Fernseh-Komikern Deutschlands und hatte von 1998 – 2002 seine Sendung „Darüber lacht die Welt“. Jetzt ist die große Box zur Sendung rausgekommen, mit einer umfassenden Retrospektive alter Folgen. Da gibt es noch die D-Mark, Thomas Gottschalk hatte einen Bart, Hape Kerkeling war noch nicht als Politiker aufgestellt.

Braucht das die Welt 2011 nun? Lustig ist es allemal, eine burschikose Angela Merkel bei den Wagner-Festspielen zu sehen – weit weg von der Iron Lady-Eleganz einer Kanzlerin. Davon abgesehen sind die Folgen auch heute noch ganz witzig – aber der schale Beigeschmack bleibt. Irgendwie lieblos, was den Fans da untergeschoben wird.

Andererseits – hach, war es schön damals und ist es schön, mental wieder damals zu sein…

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Der Fortschritt verändert Wortbedeutung genauso, wie Klangerlebnis

Der Fortschritt verändert Wortbedeutung genauso, wie Klangerlebnis

In 1984 von Georg Orwell gab es Newspeak, die neue Sprache, die revolutionäre Gedanken durch die Manipulation von Sprache unmöglich machte. Wer Sprache manipulieren kann, hat auch die Deutungshoheit über Inhalte. Das haben auch schon diverse Philosophen thematisiert: die Macht der Sprache und das Problem mit dem Inhalt des Gesagten. Ein Blick in die Schriften von Wittgenstein ist da zum Beispiel durchaus interessant.

Gleiches passiert momentan auch auf dem Musikmarkt, fürchtet zumindest Autor Toprak in seinem Kommentar „MP3-Mythen, Quatsch und Halbwahrheiten“. Er bemängelt, dass über mp3 geschrieben werde, als sei das wirklich ein gutes Audioformat für audiophile Menschen – und das würde auch noch geglaubt. Zeit damit aufzuräumen.

Und er hat Recht! Wenn erstmal lange genug davon gesprochen werde, dass die Qualität komprimierter Musik immer besser werde, wird irgendwann verdrängt, dass komprimierte Musik a priori schon weniger Qualität liefert, als unkomprimierte.

„Erst kürzlich war bei einem bekannten News-Portal zu lesen, dass Internetradiostationen “hervorragende Klangqualität” bieten. Erschreckend auch, wie undifferenziert in Testberichten über MP3-Player und Home Entertainment-Anlagen zum Thema Klangqualität gesprochen wird. Da reicht es schon, wenn die Anlage “druckvolle Bässe und seidige Höhen” bietet, dann ist alles gut. Es scheint, hier geht gerade grundlegendes Wissen über das verloren, was die Klangqualität bei der Musikwiedergabe ausmacht. Höchste Zeit, ein paar Dinge klarzustellen.“ (Quelle: „MP3-Mythen, Quatsch und Halbwahrheiten“)

Da kann man einfach nur zustimmen, wenn man gerne Musik hört.

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