Mann im Schatten

Nebel wabert durch die Straßen von London. Einsam zittert sich ein ehemaliger Soldat seinen Weg durch die zerschleiert wabernde Wand feuchter Luft. Im Gepäck nur seinen eigenen Wahnsinn und längst verdrängte Erinnerungen an eine schlimme Tat. Einen Mord.

Wenig besser geht es dem Wanderer, der auf der Suche nach einem ruhigen Wochenende in der Beschaulichkeit der britischen Heide Zeuge eines schrecklichen Raubmordes wird. Eines Raubmordens, der erst noch geschehen wird. Er sieht in die Zukunft eines anderen Menschen, erleidet dessen Schicksal per Vision, trifft das Opfer in spe sogar, und kann doch nichts am Lauf des blutigen Schicksals ändern.

All das und ähnlich Schauriges mehr bahnt sich seinen Weg in die Finsternis des ehemaligen Planetariums im Deutschen Museum München. Hin und wieder vom Cellisten Leonardo Paredes begleitet, liest Reiner Unglaub in fast vollkommener Dunkelheit aus den Werken des Schauer-Roman-Autors Algernon Blackwood (14.03.1869 – 10.12.1951). Während sein Publikum in wohliger Unsichtbarkeit die Augen schließt und die innere Wahrnehmung mit den intensiv vorgetragenen Gruselgeschichten flutet, orientiert sich Vorleser Reiner Unglaub per Blindenschrift in den Texten.

Auch wenn die anonym veröffentlichte Geschichte „Das Totenbuch“ den Standard der Blackwood-Werke nicht halten kann, ist der Lese-Abend „In der Nacht kam das Grauen“ ein voller Erfolg, der mit allem Recht schon zum dritten Mal eine Lesereihe beendet und im Herbst zu Teil vier aufbrechen soll.

Dann, im kühlen Herbst, wenn auch in München die Bäume wieder ihre Blätter verlieren, die Sonne nur noch selten zu sehen ist und der Nebel aus der Isar steigt, werden die Pforten der Wahrnehmung wieder geöffnet, während der Zuhörer in der Dunkelheit des Planetariums den mit rauer Whiskey-Stimme vorgetragenen Geschichten aus der Schattenwelt lauscht. Ein Ereignis, dass sich niemand mit Hand zum Dunklen entgehen lassen sollte. Gegen das live gesprochene Wort kann auch das besser produzierte Hörspiel nicht anstinken.

Das Einzige, was dringend verbessert werden sollte, ist die Sitzsituation. Die kopfstützenlosen Ikea-Sessel sind für einen 150-Minuten-Marathon ohne Bewegung, dafür mit geschlossenen Augen, kaum geschaffen. Aber das ist ein kleines Manko für eine großartige Veranstaltung voller Düsternis, Irrsinn, Unwirklichkeit und abgründigem Mord.

In der Nacht kam das Grauen - die Lesung im Dunkeln

In der Nacht kam das Grauen - die Lesung im Dunkeln

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