Mann im Schatten

Zum siebten Mal lud das Garmin Velothon Berlin Hobby-Rennrad-Fahrer nach Berlin,um durch Kurven, über Kopfsteinpflaster, Ost-Asphalt und – ja – auch ordentliche Straßen in Berlin zu fahren. 2013 ein Heidenspaß – das muss 2014 mitgenommen werden. Dummerweise regnet es mit Ansage aus Kübeln.

Auf zum Garmin Velothon 2014 - ein nasser Spaß

Auf zum Garmin Velothon 2014 – ein nasser Spaß

Ich stehe um 7.45 mit tausenden anderen Bekloppten im Regen, es ist kalt, wir warten zwischen Brandenburger Tor und Potsdamer Platz auf den Start. Die Füße sind jetzt schon klitschnass in den engen Click-Schuhen. Warum machen wir das?

Es geht los und dauert ungewohnt lange, bis sich der Startblock auseinander dividiert. Logisch, denn es gibt nicht nur maximal bescheidene Bodenhaftung und tiefe Pfützen, sondern auch nahezu inexistente Bremsleistung. Genau deshalb haben einige Fahrer ihren Start spontan abgesagt. „Die Vernunft hat gesiegt,“ ruft eine eigentlich ziemlich gute Fahrerin ihren startenden Freunden zu. Warum machen wir das?

Knapp 64km sind zu fahren, es ist acht Grad kalt. Beim Fahrtwind von 35 – 40 km/h ist es kälter. Nach zehn Kilometern fühle ich weder Zehen noch Zeige- oder Mittelfinger mehr. Immer wieder kommt die Hand vom Lenker, Finger bewegen, Hand an den Lenker, Gas geben, gegen Platzregen und Spritzwasser. Warum machen wir das?

Im Grunewald geht es nicht nur bergauf, sondern bekanntlich auch bergab. Bei 45 km/h ist es noch kälter in den klitschnassen Klamotten. Wirklich Zeit gutmachen ist aber nicht, denn für die anstehenden Kurven bremsen alle frühzeitig und deutlich. Zum Glück. Alle fahren erstaunlich umsichtig, es gibt nahezu keine Unfälle – ganz im Gegensatz zu regulären Rennen. Der primitive Gescwindigkeits-Adrenalinkick bleibt so natürlich aus. Warum machen wir das?

Die Kilometer 20 bis 50 sind maschinelles Dauerfeuer der Beine. An der Strecke herrscht gespenstische Ruhe. Mit Glück steht alle vier bis fünf Kilometer ein einsames Kind und macht Geräusche für die schweigend dahinstrampelnden Wasserleichen. Erst auf den letzten 500 Metern stehen tatsächlich Unterstützer. Die Muskeln liefern leider nicht mehr, Schlusssprint ist heute kaum drin. Warum machen wir das?

Ausrollen Richtung Transponder-Rückgabe. Befreit von den Clickpedalen brechen die Beine weg. Wie Großmutter an der Gehhilfe stütze ich mich auf den Lenker. „Einfach abreißen,“ sagt die gute Frau an der Transponder-Rückgabe. Ich schaffe es kaum, da die Finger sich nicht mehr bewegen. Ich erhalte meine Medaille und versuche sie, in den Rückentasche des Trikots zu stopfen. Eine schwere Aufgabe. Ich lasse irgendwann los, hoffe, dass sie reingerutscht ist. Wie beim letzten Rennen in Hamburg (Vattenfall Cyclassics 2013) gibt es einen Gutschein für ein Gratis-Weißbier, alkoholfrei natürlich. Fuck it, das große Zittern hat eingesetzt. Zurück zu den Nicht-Fahrern, wo das gemeinsame Frühstück wartet. Mit Bier, was sonst immer gut ankam. Aber das ist jetzt egal, es ist mit Wärme, das ist wichtiger. Warum machen wir das?

Angekommen. Endlich. Großes Hallo. Ich tropfe alles voll, zittere. Immerhin machen Beine und Hände jetzt, was ich will. Schnell in trockene Klamotten. Es gibt keine Dusche, aber ich will auch kein Wasser mehr sehen. Heißer Kaffee. Ich zittere. Frühstück. Ich zittere. Mehr heißer Kaffee, es wird besser. Nach einer Stunde bin ich wieder hergestellt. Die Medaille war tatsächlich in der Rückentasche.

Warum machen wir das? Damit wir anschließend sehr männlich sagen können, dass es eine Tortur war, aber auch eine Erfahrung. Abgehakt. Ein männlicher Facebook-Post passt auch noch. Und dann natürlich gleich an die nächste freiwillige Tortur denken: Tough Mudder 2014. Macho-Rennen mit Hindernissen, Dreck, Eiswasser, Feuer. Warum machen wir das? Die Frage wird sich wieder stellen.

Wie die Antwort für Frauen aussieht, weiß ich natürlich nicht. Es waren ja nicht nur wir Möchtegern Bruce Willis am Start.

Nächstes Jahr soll das Velothon im Juni stattfinden. Dann ist es auch hoffentlich wieder wärmer. Weniger männlich, aber schon besser.

Laut B.Z. waren es übrigens 13.120 Teilnehmer, die sich nicht vom Regen abschrecken ließen. Trotz der diversen Nicht-Starter? Wow. Oder ist da doch ein kleiner aber feiner Unterschied? Mal sehen.

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