Mann im Schatten

Die Welt liebt Klischees – und Klischees lieben Berlin. Kein Wunder also, dass man sie hier ständig trifft. Zum Beispiel an einem x-beliebigen Freitag im März. Fünf Tage lang war es warm, also über 0 Grad. Fahrrad-Saison eröffnet, zur Arbeit gefahren, anschließend zum Biertrinken quer durch Berlin verabredet. Kein Ding, das Fahrrad wird uns hinbringen.

Irgendwo in Kreuzberg. Der Hinterreifen fühlt sich seltsam an. Pssssssssssscht. Loch. Platt. Geil. Immerhin nur ein Loch, das Rad ist nicht geklaut, was Klischee Nummer Eins zum  Fahrradfahren in Berlin wäre. Und 2. Glück im Unglück: da vorn ist gleich eine U-Bahn. Im Hochgeschoss natürlich – U-Bahn halt. Schnell das Rad hochgeschleppt – falsche Seite natürlich. Pläne hängen unten schließlich keine. Wie in einer dämlichen Comedy also mitsamt Rad wieder runter und auf der anderen  Seite hoch gekrackselt. Bevor das finale Ziel erreicht wird stehen noch diverse Wartereien im Outback von Friedrichshain an, doch irgendwann erreichen Fahrer und Rad das Ziel. Kopf auf, Getränke rein, Frust vergessen.

Fastforward. Rückweg.

Der Weg zur Bahn, die während der Nacht noch fährt, führt durch endzeitliche Bauruinen. Jeder echte Münchner findet hier alle Urängste vor Berlin bestätigt, wie der mehrjährige Gast-Bajuwar merkt. Immerhin kommt die Bahn bald, nachdem das Rad hochgeschleppt wurde. Sind eigentlich alle U-Bahnen da oben?

In der Bahn stinkt ein Hund noch erbärmlicher als sein versiffter Halter, ein paar Besoffene mit wenig Haaren am Kopf machen mit stinkigen Sprüchen die paar Mädels an, die gute Miene zum dummen Sprüche-Spiel machen. Kurz wandert jemand vorbei, der über irgendwelche Schwuchteln schimpft, ein gegelter Mensch redet lautstark türkisch ins Handy und verspricht auf deutsch, gleich da zu sein.

Ausstieg irgendwo anders in Berlin. Vor der Bahntür begrüßen Scherben die Stiefel des geschulterten Fahrrads, ein paar stilvoll verwurschelte Frisuren erzählen von Marx und der sozialistischen Weltrevolution? Zeitmaschine anyone?

Nein. Keine Zeitmaschine. Keine versteckte Klischee-Kamera. Keine Überempfindlichkeit eines Touristen aus reichem Hause (auch wenn das schön wäre). Einfach nur ein Freitagabend in Berlin.

Gut, dass der Fahrradladen umme Ecke Samstags bis 19h auf hat. Getränke verdauen, frühstücken, neuen Schlauch und Mantel gekauft und für die nächste Runde „Realität versus Berlin“ gerüstet. There we go.

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