Mann im Schatten

Die Überschrift im tagesschau-feed war welt:

„Rentner-Gang entführt Steuerberater“

Da kommen einem sofort Kommentar-Überschriften in den Sinn, die vom John Wayne Western-Vergleich bis zu No Country For Old Men reichen. Die Bilder im Kopfkino sind halt zu schön: verärgerte alte Männer schnappen sich nach atemberaubender Rasenmäher-Jagd den Steuer-Yuppie und knechten ihn im Vorgarten mit grünem Wasserschlauch und Bewurf künstlicher Gebisse.

Klickt man dann in den eigentlich vom BR stammenden Artikel, entpuppt sich die Realität hinter dem possierlichen Obersatz ganz anders:

„Laut den polizeilichen Ermittlungen schlagen die Angeklagten am Abend des 16. Juni 2009 in Speyer in Rheinland-Pfalz zu. Der 74 Jahre alte mutmaßliche Drahtzieher aus dem Chiemgau und der 60-Jährige Ex-Mitarbeiter fangen den Geschäftsmann vor dessen Wohnung ab. Sie fesseln ihn mit Klebeband und verfrachten ihn in eine Kiste, die sie in den Kofferraum ihres Wagens hieven. Bei einem Zwischenstopp versucht der Mann zu fliehen, er kommt jedoch nicht an den Entführern vorbei. Er erleidet Prellungen und zwei Rippenbrüche.“ (Quelle: tagesschau.de)

Festgehalten wird die Geisel im Keller – gefesselt und mit einer Waffe bedroht. Gar nicht mehr witzig. So weit können Realität und lustig Skurriles versprechende Überschrift auseinander liegen. Oder war meine Verknüpfung des feed-Beginns mit trashig humorigen Bildern eine solche Fehlleistung meinerseits?

Dass es nicht so weitergeht, wie bisher, ist allen Beteiligten im weiteren Zeitungswesen bekannt. Die Frage ist nur – und das seit Jahren unverändert: wie geht man mit der neuen Internet-Situation um und wie lässt sich Geld verdienen in der digitalen Umsonst-Welt?

iPad und iPhone als Paradigmen-Änderer

iPad und iPhone als Paradigmen-Änderer

Das neue Hoffnungspferdchen: Apps für iPhone und andere Smartphones. Außerdem, seit einer guten Woche: das neue Apple-Produkt iPad. Was das an Paradigmen-Wechsel bedeutet oder bedeuten könnte, hat jetzt kress.de jetzt sehr schön, und ganz ohne Internet-Polemik, formuliert:

1. Nicht Apple muss sich um die Inhalte sorgen. Die Medienunternehmen stehen Schlange, um ihre Inhalte bei Apple unterzubringen.

2. Der iPad signalisiert einen Paradigmenwechsel. Es sind Technologieunternehmen, die den Medien künftig die Gefäße entwerfen, in die sie ihre Inhalte füllen können. Medienkonzerne spielen nun auf Feldern, deren Form und Belag sie sich nicht mehr aussuchen können.

3. Eine eigene Infrastruktur für Zeitschriften und Zeitungen ist nicht angekündigt. Früher oder später wird Apple aber eine solche aufbauen. Die Inhaltelieferanten werden sicherstellen müssen, dass sie beim Share-Modell und dem Umgang mit Kundeninformationen nicht benachteiligt werden.

4. Der Weg über Apps zu geschlosseneren, nicht multitaskingfähigen Systemen kann sich als Vorteil für Medien erweisen. Eine perfekte iPad-Anwendung wäre dann eine Welt für sich, auf die sich die Nutzer voll konzentrieren können.

5. Digitale Inhalte werden sich künftig stärker differenzieren. Eine Nachricht ist bereits heute eine Ware, die kostenlos im Internet abgerufen werden kann. Reportagen, exklusive Geschichten, vielleicht auch Meinungen und viele Multimedia-Elemente wandern hinter Bezahlschranken oder gleich in Bezahl-Apps.

6. Eine der Kernfragen für Medienunternehmen wird lauten: Kooperieren oder konkurrieren? Bertelsmann baut mit dem Deutschen Presse-Vertrieb eine verlagsübergreifende Digital-Plattform für Inhalte auf, die geräteunabhängig funktionieren soll. Ob Medien weiter alle Kanäle bedienen können und auf vielen Plattformen ihre Inhalte anbieten können, oder ob sie sich letztlich für eine der unterschiedlichen Plattformen entscheiden müssen, ist völlig offen.

(Quelle: kress.de)

Klug beobachtet und geschlussfolgert. Es bleibt also spannend in der Journalismus-Evolution.

Ein Eishaus von der japanischen Armee gebaut

Ein Eishaus von der japanischen Armee gebaut

Warum Japaner nerven, wissen wir alle seit dem gleichnamigen Taschenbuch-Verkaufshit von Christoph Neumann. Aber sie nerven anscheinend nicht nur, sie spinnen auch, wie jetzt auf tagesschau.de zu sehen:
„Eine Einheit der Bundeswehr wird abkommandiert, um in wochenlanger Arbeit einen japanischen Tempel aus Schnee nachzubauen – in Deutschland undenkbar. Solches “Abhärtungstraining” ist in Japan Realität. Beim traditionellen Schneefest in Sapporo bauen Soldaten Gebäude aus aller Welt nach.“

Warum machen die das? Als Abhärtungstraining? Na dann…

Meine kleine Twitter-Farm


February 1st, 2010

Ein interessantes Projekt, das da gerade in Frankreich gestartet wird: Während die New Media Welt gebannt auf twitter und facebook schielt, weil dort ja alles in Echtzeit passiert und potenzielle Nachrichten nur so durch die virtuelle Luft schwirren, werden auf einem gemütlichen Bauernhof in Frankreich fünf Journalisten eingeschanzt. Es gibt gute Verpflegung und trotz „Hausarrest“ ständig Nachrichten von ihnen zum aktuellen Tagesgeschehen. Denn: man hat Internet und versucht, allein auf Basis von eben twitter und facebook ordentliche Nachrichten zu schreiben. (Quelle: tagesschau.de)

„Kann ja gar nicht gehen!“ möchte mancher nun rufen, denn der wirkliche Kontakt zu Menschen fehlt ja, das Gegen-Checken einer News findet kaum statt – doch wie viele Seiten befüllen sich aufgrund von Termindruck und klammen Kassen schon auf genau solche Art? Es wird spannend sein, das Ergebnis dieses Feldversuchs im Auge zu behalten. Können die neuen Medien zumindest die Rumpfarbeit des journalistischen Alltags einigermaßen aufrechterhalten?

In Frankreich wird der Versuch jetzt schon intensiv verfolgt. Der Rest der Welt wird sicher bald ebenfalls hinsehen.

Unter Comic-Fans ist Jason Lutes lange schon kein Unbekannter mehr. Wer nicht so in der Materie ist, hat eher nicht von ihm gehört. Zugegeben: eine Schande. Da muss dann im Zweifel erst seine Graphic Novel „Berlin – bleierne Stadt“ als Geschenk zum Umzug ankommen, um diesen Missstand zu beenden.

Berlin - bleierne Stadt

Berlin - bleierne Stadt

Dann aber begeistert der in Berlin 1929/30 angesiedelte Schwarz-Weiß-Comic umso mehr. Politische Unruhen, die große Depression und eine Stadt, die trotz oder gerade wegen dieser Probleme ungehemmt feiert. Feiert und sich betäubt, als gäbe es keine Sorgen.

Die Bilder in „Berlin – bleierne Stadt“ sind eindringlich, die Darstellung dieser explosiven, faszinierenden und surrealen Welt absolut gelungen. Wer immer sich für diese vielleicht interessanteste Epoche Berlins interessiert, sollte sich diesen Teil der Trilogie zulegen. Details und vieles mehr gibt es hier.

Wer es ohne Bilder mag, kann natürlich auch den großartigen Roman „Der nasse Fisch“ von Volker Kutscher lesen. Lohnt sich ebenfalls!

Am 28.01.2010 startet der groß produzierte Film „Ein russischer Sommer“ offiziell im Kino. Einen Tag vorher gab es die schicke Premiere im Kino International in Berlin. Schönster Ost-Charme, Blitzlichtstakkato auf Regisseur, Hauptdarsteller, Tolstoi-Erben und anschließende Verköstigung inklusive.

Ein russischer Sommer

Ein russischer Sommer

Der Höhepunkt des Abends kam dann eigentlich aber schon vor der Film-Vorführung mit der Ankündigung, dass „Ein russischer Sommer“ hoffentlich der lustigste Film über den Tod eines 82-Jährigen sei, den die Anwesenden je gesehen hätten.

War er dann auch. Trotz des russischen Hangs zu schweren Themen Read more »

Ein Freund in China schrieb kürzlich verwirrt, dass die Chinesen gegen den überraschenden Schnee und Frost mit heißem Wasser vorgehen würden. Seltsam, dass bei zweistelligen Minusgraden plötzlich alles rutsch und schliddert.

Aber dafür muss man momentan nicht nach China reisen. Berlin ist fast überall von einer dicken Eisschicht überzogen. Nur die wenigsten Gehwege sind geräumt, manche Straßen sehen die Räumfahrzeuge nie. Ist nicht schön, hat man sich aber dran gewöhnt.

Was sich auf dem Heimweg vom Bäcker zeigt – die Sonntagsbrötchen waren bei –8 Grad schon längst gefroren – geht dann aber doch zu weit:

Ein Fahrrad im Berliner Winter

Ein Fahrrad im Berliner Winter

Nach Berlin umzuziehen ist toll. Sagen jedenfalls alle. Macht man es dann, zeigt sich die Hauptstadt von der biestigen Seite und bricht erstmal den eigenen Rekord im Keine-Sonne-Zeigen. Soll zum Wochenende besser werden – nach über 20 Tagen – dafür aber auch mit -10 Grad empfindlich kalt.

Wieder.

Toll.

Aber die Stadt hat eben doch ihren eigenen spröden Charme und macht diesen Mist wieder gut, indem an der Film-Front etwas Großartiges geboten wird: der Klassiker METROPOLIS bekommt eine eigene Ausstellung im Filmmuseum. Das kann doch mal was!

Filmszene aus METROPOLIS

Filmszene aus METROPOLIS

Das dürfen, sollen und werden Film-Fans nicht verpassen!

Genau wie die Open Air Aufführung am Brandenburger Tor (12.02.2010). Wird zwar sicher etwas kalt, wenn Berlin weiter diese seine Seite zeigen will, aber was tut man nicht alles für METROPOLIS?

Zugegeben, es ist fast schon cheesy, sich über das stets neu gekürte „Unwort des Jahres“ zu beschweren. Braucht eigentlich niemand und doch wird überall darüber berichtet.

Jetzt ist das neue Unwort also „betriebsratsverseucht“. Haben mit Sicherheit nur die wenigsten Deutschen bisher gehört. Wäre es nicht gekürt worden, wäre es auch dabei geblieben. Ganz ehrlich: ich habe schlimmere Wortschöpfungen gehört.

Andererseits: ändert die Kür nun irgendwas? Oder ist es doch nur das Feigenblatt der Bildungselite vor der ohnehin kaum aufzuhaltenden Devaluierung der Wertschätzung gegenüber dem kleinen Mann?

Unnötig.

Wie jedes Jahr.

Wer vor zwei Jahren von Gentrifizierung sprach, erntete eher Fragezeichenblicke, als kämpferischen Beistand gegen die aufgesetzte Aufwertung angesagter Underdog-Stadtviertel. Das hat sich geändert. Heute kennt das Wort fast jeder – man muss dazu nicht mal überzeugter Feuilleton-Leser sein.

Prima beobachtet schreibt ein Blogger unter der Überschrift Parallelgesellschaften:

“Ich denke dabei mittlerweile hauptsächlich an diese gentrifizierten Hochpreis-Gebiete, in denen sich kein normalsterblicher und -denkender Mensch noch Wohnraum leisten kann und möchte.“ (Quelle: Die gestundete Zeit)

Das ist in der Tat clever gesehen und auf den Punkt gebracht, denn das Schlagwort Parallelgesellschaft ist fast ausschließlich „ausländisch“ besetzt. Doch obwohl das Zitierte absolut stimmt, sollte mit dem Wort Gentrifizierung vorsichtig umgegangen werden, bevor daraus eine ähnlich unscharf gewordene Worthülse wird, wie Parallelgesellschaft.

Proudly powered by WordPress. Copyright © Mann im Schatten. All rights reserved.
Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de