Mann im Schatten

Regen (c) Ana C. Golpe morguefile.com

Regen (c) Ana C. Golpe morguefile.com

Was soll denn das??? Momentan hören wir immer die nächsten Wetterextreme. Kältester Winter seit gefühlten tausend Jahren, längste Zeit keine Sonne in Berlin, heißester Juli – und jetzt das: der August 2010 war der nasseste August seit Beginn der Wettermessung.

Toll.

„Im bundesweiten Durchschnitt brachte der August rund 157 Liter Regen pro Quadratmeter und damit mehr als doppelt so viel wie das langjährige Mittel von 77 Liter. Damit überbot der August 2010 sogar den mit 134 Liter pro Quadratmeter bislang nassesten August von 1960.“ (Quelle: tagesschau.de)

Da sollten wir wohl mal schnellstens die nächsten Klimaschutzvereinbarungen nicht erfüllen, nicht unterschreiben, nicht verlängern. Dann können wir auch wieder öfter in einer einzigen Nachrichtensendung von verheerenden Bränden in Russland zum absaufenden Afghanistan kommen.

Die Wetterveränderung, sie lebe hoch!

Science Fiction Klassik (c) klassik-open-air.de

Science Fiction Klassik (c) klassik-open-air.de

Endlich hat das Paradebeispiel von Gentrifizierung – der Prenzlauer Berg in Berlin – mal wieder was richtig Schönes zu bieten gehabt: das Klassik Open Air in der lecker kulturell überhöhten Kulturbrauerei. Am Freitag wurde vom Deutschen Filmorchester Babelsberg unter der Leitung von Jörg Iwer gespielt, was vielen Film-Fans Kindheitserinnerungen in den Bauch schickte: die Scores zu:

- 2001: Space Odysee
- Raumpatrouille Orion
- Aliens
- Star Trek
und natürlich:
- Star Wars

Was ein Spaß, diese größtenteils genial unterhaltende Musik live vom Orchester zu hören. Wobei deutlich auffiel, dass erst nach der Pause wirklich Stimmung in den Abendhimmel gehaucht wurde. Die vorherigen Songs hatten mit Men In Black zwar den lustigsten Song, doch ansonsten waren Beiträge wie (T)Raumschiff Surprise eher Kindergeburtstag.

Außerdem haben wir gelernt, wie man einen mit Star Wars genial beendeten Abend wieder per Dampfhammer in die Realität zurückschießt: ‘Musik Was My First Love’ vom Band mit einem zwar schön dazu arrangierten Feuerwerk, das aber rein optisch extrem cheesy wirkte und eher zum Ende einer Traumschiff-Folge, als einem magisch-tollen Abend passte.

Anyway, toll war es. Geht doch, Prenzlauer Berg.

Seelennahrung Kaffee (c) Mark Miller, morguefile.com

Seelennahrung Kaffee (c) Mark Miller, morguefile.com

Was sind das für schlimme Nachrichten, mit denen man sich plötzlich auseinandersetzen muss? Kaffee-Preise steigen in fast ungekannte Höhen? Wenn das daran läge, dass die Qualität so viel besser wird: bitte. Wenn der Grund sich verknappende Rohstoffe sind: bitte. Aber Spekulanten? Gierige Geldmacher, die mit dem schwarzen Gold das uns am Leben hält und unserer resultierenden, wohlwollenden Abhängigkeit ihren Reibach machen wollen?

Im Detail geht es darum:

“Die Händler an den US-Warenterminbörsen gehen davon aus, dass der Preis bald die zwei Dollar Marke überschreiten wird. Noch vor wenigen Monaten lag der Preis bei 1,30 Dollar pro amerikanischem Pfund (453,59 Gramm)
[...]
Diese Wechselwirkung wiederrum hat Anleger und Spekulanten auf den Plan gerufen. Sie wetten auf steigende Preise und treiben damit den Preis in die Höhe. Der Deutsche Kaffeeverband sieht in diesen Spekulanten die wirklichen Auslöser für eine Verteuerung innerhalb weniger Monate um 50%.”
(Quelle: Kaffee-Blog)

Schlechte Menschen, die sowas machen. Also wirklich.

Wände - bald auch im Internet (c) Kevin Rosseel, MorgueFile

Wände - bald auch im Internet (c) Kevin Rosseel, MorgueFile

Wer sich ein wenig mit Science Fiction und William Gibson auseinander gesetzt hat, ist irgendwann auch mal auf die „spatial theory“ getroffen. Sie geht davon aus, dass der Autor ständig neue Welten, neue Räume schafft. Besonders klar war das in seiner Sprawl-Trilogie (Neuromancer, Count Zero, Mona Lisa Overdrive). Was er darin visionierte, die Matrix, wurde später das omnipräsente Internet – Ort unendlicher digitaler Freiheit.

Die Furcht, diese Freiheit und Grenzenlosigkeit könnte von Gesetzen oder Kartellen zusammengestaucht werden, ist genauso gewachsen, wie die Vergrößerung der Internet-Welt an sich. Und was passiert jetzt plötzlich? Jetzt erklärt wired.com, dass diese grenzenlose Freiheit vorbei sein.

Warum das? – Weil wir es so wollen! Der Artikel liest sich ziemlich interessant und ist durchaus nachvollziehbar:

Wir organisieren das Internet über Apps, über Services, über Voreinstellungen. Wir surfen nicht mehr von einem Link zum nächsten – selbst die Terminologie des „surfens im Internet“ klingt schon verdächtig nach den 90ern. Das Web ist so groß geworden, dass wir selber es sortieren, beschneiden, zusammenfassen, einzäunen.

Eine interessante Entwicklung, die aber auch Platz für eine weitere Gibson-Erfindung aus der Matrix-Trilogie macht: den erwähnten Sprawl selber. Die Außenseite der neuen Welt. Dreckig, gesetzlos, gefährlich. Da geht niemand hin. Vielleicht wird das das Internet in zehn Jahren sein. Der Teil außerhalb der App-Zäune. Ein digitaler Sprawl.

Abwarten. Interessant wird es auf jeden Fall.

Ein guter Deal ? (c) morguefile.com

Ein guter Deal ? (c) morguefile.com

Der Artikel auf zeit.de ist leicht polemisch geschrieben, wirft aber einige Fragen über die Zukunft des bisher so freien Internets auf. Es geht um ein Abkommen zwischen Google und der Telefongesellschaft Verizon:

„Der Suchmaschinenkonzern und die amerikanische Telefongesellschaft versuchen, im Internet so etwas wie Mautgrenzen und Zollschranken einzuführen. Gleichzeitig bauen sie an einer dauerhaften Überwachung der Inhalte.

Sie nennen es natürlich anders.“

Hier gibt es den ganzen Artikel, der definitiv lohnenswert ist…

„Ballermann für Headbanger“ nennt Spiegel.de seinen Artikel zum Wacken-Festival 2010 – „das gehypte Open Air“ – und macht genau das, was den angeprangerten Wacken-Hype erst losgetreten hat. Sie bringen Bilder und Berichte über all den ach so verrückten Wacken-Metal-Jahrmarkt.

Wer hypt das Festival denn? Die Metaller selber, oder die Medien drumherum? Und egal, wie wichtig die Rahmenveranstaltungen wie Wrestling, Wet-T-Shirt-Contest und so weiter werden, und egal wie billig oder fragwürdig sie sind: geht es nicht primär immer noch um das Gesamtpaket aus Musik, Unterhaltung, Party?

Wer sich tatsächlich auf dem Gelände des gerade vergangenen Festivals umgesehen hat sollte gemerkt haben, dass die Ballermann-Gegend, der so genannte Wacken-Plaza mit Wikingern, Rittern, Mittelaltermarkt, Öl-Catchen, Wrestling, Fußball-Feldern und dergleichen mehr, deutlich entspannter war, als das Gedränge vor den Bühnen. Freundliche Menschen verkauften größtenteils unsinniges Zeug, das die Besucher aber haben wollten: Schwerter, Äxte, Fälle, Schnaps, Brot – was auch immer. Da alle eine gute Zeit hatten, kann man Mit-Veranstalter Jensen und seinem Zitat nur zustimmen, das den Artikel abschließt:

“Wir haben alle nur ein Ziel: dass das ‘ne geile Party wird.”

Haben die Veranstalter geschafft, denn den Zuschauern hat es gefallen. Und es war mal wieder nur halb so verrückt, wie es manche Medien gerne hätten.

Auf Bilder der Baller-Metaller wird an dieser Stelle übrigens mit voller Absicht verzichtet.

Loveparade - aus und vorbei nach 2010

Loveparade – aus und vorbei nach 2010

Was auf der Loveparade in Duisburg passiert ist, ist eine Tragödie. Daran gibt es überhaupt nichts zu rütteln. Genauso klar ist, dass das Thema polizeilich und auch journalistisch aufgearbeitet werden muss. So weit, so elitär, so weltfremd. Denn wenn bei solchen Vorfällen eines absehbar ist, dann dass die meisten Leser/Zuschauer Blut sehen wollen. Sie wollen lesen, hören, sehen, wie schlimm es war, was die Opfer durchgemacht haben, wer die Schuld trägt.

Sich darüber zu beschweren ist so sinnlos wie nur was. So lange die Nachfrage da ist, wird sie von diversen Medien bedient, denn es zählen Klicks, Einschaltquoten, Auflagen.

Und doch: wenn wir heute über ein Panoptikum sprechen, will sowas niemand mehr haben. Man kann auch keine Zwergen und Mutationen auf Jahrmärkten mehr ausstellen. Wenn wir über Gladiatorenkämpfe reden, verabscheuen wir das. Stierkämpfe – gehen gar nicht.

Ist auch alles richtig. Man kann das Loveparade-Geschehen auch nicht damit vergleichen. In der Bevölkerung wird aber durch die Berichterstattung ein sehr ähnliches Bedürfnis gestillt: Unterhaltung in Blut. Unterhaltung in Schauer. Unterhaltung in Leid. Wie ein Unfall. Wie eine Freak-Ausstellung. Wie ein Gladiatorenkampf.

Ist reißerische Berichterstattung nun moralisch verwerflich? Das muss wohl jeder selber entscheiden.

Endlich wieder Tiefseeböhrung

Endlich wieder Tiefseeböhrung

Geht doch! Die geschassten Lobbyisten bekommen endlich mal fast ganz öffentlich Lob für ihre Arbeit. Das ist auch nur gerecht, denn die BP-Profis haben ganze Arbeit geleistet. Das Loch im dämlichen Golf von Mexiko ist gerade (wahrscheinlich) gefixt, da ist die nächste Tiefseebohrung angekündigt. Und zwar im libyschen Hoheitsgebiet.

Das soll nicht gehen? Unsinn! Was spricht denn dagegen? Die Möglichkeit eines kleineren Unfalls? Das gehört beim Ölbohren doch dazu. Mann oder Memme? Und so schlimm war das im Mexiko-Golf ja nun auch nicht.

Diese Meinung wurde anscheinend ziemlich erfolgreich nach Libyen getragen und erfolgreich verbreitet. Da hat also jemand im Lobby-Bereich seinen Job ganz hervorragend gemacht, denn aus Libyen heißt es vom obersten Ölverkäufer Shokri M. Ghanem:

“In der Ölindustrie hat es immer Unfälle gegeben und wird es immer Unfälle geben – daran führt kein Weg vorbei”. [...] “Das Leben geht weiter, wir werden eine Menge Lektionen lernen”, fügte er hinzu und nannte die Aufregung über die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko “irgendwie übertrieben”. (Quelle: zeit.de)

Da kann man nur den Hut ziehen. Gute Arbeit. Für einen schlechten Zweck zwar, aber gut gemacht. Respekt. Und wenn man mal genau hinsieht: der elende Golf sah vorher ja auch schon mies aus. Und etwas mehr Geld schadet nie…

Der Atompilz über Hiroshima

Der Atompilz über Hiroshima

Heute, am 16. Juli, vor 65 Jahren, hat sich die Welt verändert – es war der Übergang ins nukleare Zeitalter. Heute vor 65 Jahren wurde die erste Atombombe gezündet. Gerade mal 21 Tage später wurde Hiroshima mit einer Atombombe zerstört.

Ein paar Erinnerungen an den ersten Test-Einsatz bringt tagesschau.de:

“Manche lachten, andere weinten, die meisten blieben stumm”, erinnerte sich Projekt-Chef Robert Oppenheimer an den Moment, als es taghell wurde und ein riesiger Atompilz aufstieg. Einer seiner Kollegen platzte heraus: “Jetzt sind wir alle Hurensöhne”. Oppenheimer formulierte es poetisch-düsterer mit einem Zitat aus der indischen Mytholgie: “Jetzt bin ich der Tod geworden, Zerstörer der Welten”.

Zerstörer der Welten trifft es einigermaßen. Das gefürchtete Ende der Welt durch einen atomar geführten Dritten Weltkrieg ist zwar zum Glück nicht eingetreten, wer aber mal das Hiroshima Peace Memorial Museum betreten hat, ist dem mentalen Ende der Welt trotzdem erschreckend nah. Nach gut der Hälfte der Tour ist der Besucher am Boden zerstört. Will weg. Dem Irrsinn entgehen, der hier vor 65 Jahren geschah, als die Atombombe auf die Kleinstadt Hiroshima geworfen wurde. Doch ein Abbruch ist nicht möglich. Man muss weitergehen.

Wer am Ende der Tour nicht mehr weiß, wohin mit seinen Gefühlen, hat noch zwei Hämmer vor sich:

- eine Wand mit Faxen. Geschrieben vom jeweiligen Bürgermeister in Hiroshima. Gerichtet an die Nationen, die weiterhin Atomtest machen.
- eine relativ nüchterne Darstellung, um wie viel stärker Atombomben mittlerweile sind. Stärker als die Bombe die anrichten konnte, was der Besucher gerade als Nachhall erlebt hat.

Die Geschichte der Atombombe ist länger, als 65 Jahre. Doch heute, heute vor 65 Jahren hat der erste Atompilz unsere Erde und unser Erbe entstellt.

“Jetzt bin ich der Tod geworden, Zerstörer der Welten”.

Ein Thema, das nichts von seiner bitteren Aktualität verloren hat.

Bahnschild - fallt lieber nicht auf die Schienen

Bahnschild - fallt lieber nicht auf die Schienen

In was für einer Zeit leben wir eigentlich? Wenn man in zwei Tagen fünf Züge benutzen muss, ist es ja normal, dass mindestens zwei davon Verspätung haben. Wenn dann aber zwei wegen Bahn-Suizid anhalten müssen, ist das einiges. Um noch einen draufzulegen, kommt der Zug am Nebengleis auch noch zu spät – Personenschaden. Also ebenfalls: Mensch vor Zug.

Drei Mal in zwei Tagen bei einer Strecke von insgesamt 500 Kilometern? Dann plötzlich noch die Nachricht vom Sprayer aus Rathenow, der vom ICE erfasst wird und stirbt. Wieder: Tod durch Zug, wenn auch nicht absichtlich herbeigeführt

Eine Anhäufung seltsamer Zufälle? Oder drehen gerade wegen der Hitze alle vollkommen am Rad? Seltsame Zeit.

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